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1. Leseprobe
 
Heute, also am Samstag, dem 2. September, sollte die kirchliche Trauung sein. Ganz früh am Morgen fuhren meine Eltern mit meinem Mann und mir in die Stadt, um die Blumen für das Auto und für mich abzuholen. Außerdem musste ich ja noch zum Friseur, um meine – damals noch sehr langen Haare – hochstecken zu lassen. Das war vielleicht eine Prozedur, für jemanden, der sich eigentlich nur miserabel fühlt. Mein Vater stellte seinen neuen Mercedes mitten in die Fußgängerzone der Stadt, direkt vor den Friseurladen, damit ich nicht so weit laufen muss. Die Friseurin hatte mir genau 72 Nadeln in die Haare gesteckt.

Als ich wieder raus kam, stand ein Polizist neben meinem Vater und ich dachte: ?Oh nein, jetzt dürfen wir auch noch Strafe zahlen?. Aber nichts von alledem. Der Polizist war ein Bekannter meiner Mutter, und er kannte meine dumme Geschichte schon, weil Mutti sie ihm erzählt hatte. So hielt er uns den Rücken frei, damit wir ungestört dort parken konnten. Das fand ich ganz lieb von ihm. Die Polizei – dein Freund und Helfer. Manchmal ist da was dran. Das war an diesem Tag dann für mich auch das einzige erfreuliche Ereignis, das muss ich ehrlich zugeben. Schon am Morgen dachte ich nur: ?Hoffentlich ist die Hochzeit bald vorbei?. Als wir dann gegen Mittag wieder zu Hause waren, ging es zu meiner Oma, die nur zwei Häuser von meinen Eltern entfernt wohnt. Wir aßen dort zu Mittag. Ich glaube es war Suppe oder so. Nicht mal daran konnte ich mich noch erinnern. Alles in diesen Tagen ging irgendwie so spurlos an mir vorbei. Das Essen fiel mir wieder sehr schwer, daran erinnere ich mich noch gut.

Als wir gerade mit dem Essen fertig waren und wieder zu meinem Elternhaus gingen, wurde ich wieder von meinem Mann gestützt, denn mittlerweile hatte sich wohl durch die Aufregung vor der bevorstehenden kirchlichen Trauung bei mir nervlich so dermaßen in meinen Beinen bemerkbar gemacht, dass ich froh war, als ich sah, dass unser Kumpel den Rollstuhl schon auf dem Hof stehen hatte. Ich setzte mich sofort hinein und sah dem bevorstehenden anstrengenden Tag bzw. Abend etwas gelassener entgegen, weil ich so etwas mobiler war als auf meinen eigenen Beinen.
Der Fotograf war auch schon da zu dieser Zeit und einen Augenblick später kam mein neuer Hausarzt, Dr. K., der mich noch schnell mit ein paar Spritzen versorgte, damit ich etwas weniger Schmerzen habe, bis die Feier vorbei ist. Mein Arzt, meine Mutter und ich gingen zusammen in das Zimmer meines Bruders, denn für die Spritzen musste ich ja mein schweres Brautkleid anheben, was mir alleine unmöglich schien. Indessen raste mein kleiner Bruder mit meinem Rollstuhl durch die Wohnung und fand das äußerst spaßig. Bei dieser Gelegenheit stellten wir mit Bedauern fest, dass die Wohnung meiner Eltern alles andere als behindertengerecht ist. Die Türen und der Flur waren viel zu eng, als dass man mit dem Rollstuhl ohne Hilfe hätte dort durchfahren können. Wenn man gesund ist, macht man sich über solche baulichen Geschichten nicht so viel Gedanken, doch wenn es dann plötzlich so weit ist, werden einem solche Dinge plötzlich bewusst. Ja, der Fotograf und mein Mann warteten schon ungeduldig auf mich im Garten. Die Kinder des Hausarztes meiner Mutter waren jetzt auch angekommen, denn sie sollten bei uns Blumen streuen und natürlich mit auf die Fotos.

Ich saß die ganze Zeit im Rollstuhl beim Fotografieren. Der Fotograf hat die Bilder ganz geschickt gemacht, damit man den Stuhl später nicht sieht. Bis auf ein paar Bilder, wo er mich ganz bewusst mit dem Stuhl fotografiert hatte. Er sagte zu mir: „Dann hast du was zu lachen, wenn du aus dem Ding wieder raus bist und dir die Fotos wieder ansiehst“. Heute bin ich froh darüber, noch Bilder davon zu haben, wie er damals prophezeit hatte. Er erzählte mir davon, als er mal einen Bandscheibenvorfall hatte und dadurch auch solche komischen Beschwerden in den Beinen. Und so lange noch was weh tut, meinte er, wäre auch noch was da. Er hätte damals auch Lähmungen gehabt und der Dr. K. hatte ihm sehr gut geholfen. Da war ich ein wenig beruhigt. Jedenfalls für einen Moment. Doch immer, wenn die Beine wieder so schmerzten und mein ganzer Körper zuckte, weil mich wieder solche schmerzhaften Blitze durchzuckten, bekam ich wieder Zweifel, ob denn wirklich alles wieder gut werden würde. Und dieses Zucken wurde immer schlimmer.

Die Hochzeitsfeier war für mich ganz schrecklich, obwohl die Medikamente meines Arztes wohl ziemlich stark waren, vernebelten sie mir doch nur die Sinne, statt die Schmerzen zu lindern. In den letzten Tagen hatte ich schon so viele verschiedene Mittel bekommen, von Kortison in hohen Dosen, bis zu Muskelrelaxantien, die mir auch nicht halfen.

Es wurde jetzt langsam Zeit in unsere Dorfkirche zu fahren. Als wir dort ankamen, standen vor dem Lebensmittelladen gegenüber eine Menge Leute, die ich kannte. Sie waren nicht eingeladen, sondern schauten nur der Neugier halber zu. Als ich aus dem Mercedes meines Vaters „gezogen“ wurde, um mich dann in den Rollstuhl zu verfrachten, schauten die Menschen ganz entsetzt.

Als ich dann den Weg zum Eingang geschoben wurde, standen dort die geladenen Gäste samt Familie und schauten miteinander drein, als würde gerade ein Sarg an ihnen vorbei geschoben. Meine Schwiegermutter schien sogar ein paar Tränen zu vergießen. War es aus Mitgefühl, weil es mir sichtlich so schlecht ging oder machte sie sich einfach nur Sorgen um die Zukunft ihres Sohnes, die ja mit einer behinderten Frau nicht so rosig ausschaut. Ich wusste es nicht. Wir wussten ja alle nicht, was mit mir noch alles geschehen würde. Ich dachte schon seit Tagen nur noch daran, dass ich sofort nach der Trauung am nächsten Tag in die Klinik muss.
Die Kirche war mir bekannt, ebenso der Pastor, der die Trauung vollziehen sollte. Ich stand nun direkt vor der Kirchentür und der Pastor begrüßte uns. Leider hatten mich seine Worte zu Anfang der Zeremonie sehr getroffen, denn er meinte, ob das mit dem Rollstuhl wirklich nötig getan hätte und ob ich mich denn nicht ein wenig anstellen würde. So dem Sinn nach sagte er es. Und diese Worte aus dem Mund eines Pastors... Das hatte mich schon schwer erschüttert, da mein Selbstbewusstsein ohnehin schon auf dem Nullpunkt war. Ich wurde von meinem Mann vor den Altar geschoben und von da an ließ ich alles über mich ergehen, so als ginge es gar nicht um mich. Die ganze Zeit versuchte ich mich nur ganz angestrengt darauf zu konzentrieren, dass ich ja meinen Einsatz nicht verpasse, denn ich musste ja noch etwas sagen – Ja, mit Gottes Hilfe! Hilfe? Gott? Ja wo ist er denn jetzt? Warum lässt er mich hier so jämmerlich herumsitzen? Hat er denn gar kein Mitleid mit mir?
An den eigentlichen Sinn meiner Krankheit dachte ich damals noch nicht – geschweige denn, dass sie überhaupt einen Sinn haben könnte und wohin sie mich dann später letztendlich führen sollte. Aber dazu später mehr.

Nachdem wir dann den Segen bekommen hatten, klang eine wunderschöne Stimme aus dem oberen Teil der Kirche zu uns herunter. Meine Eltern hatten uns eine Sängerin geschenkt, die für uns singen sollte. Sie sang „AVE VERUM“. Zuerst dachte ich, es hätte jemand eine Platte aufgelegt. Über dieses Geschenk konnte ich mich gar nicht so richtig freuen - schade. Schon im Inneren der Kirche hörten wir, dass es draußen plötzlich ganz stark anfing zu regnen und ich dachte noch so bei mir: „Das Wetter passt zu meiner Stimmung und der ganzen Situation hier“. An diesem Tag ging alles Schlag auf Schlag und war für mich eine irrsinnige Quälerei. Sofort nach der Kirche fuhren wir zu einem etwas entfernteren Gasthof, um zu feiern. Was sollten wir bloß feiern? Gab es denn etwas zu feiern? Das war doch alles bloß für die anderen Leute. Hauptsache die haben ihren Spaß. Ich hatte jedenfalls keinen. Die Feier war dann doch noch ganz lustig. Wenigstens war ich in der glücklichen Lage, der ganzen Feier mal intensiv beizuwohnen. Sonst müssen Bräute immer den ganzen Abend mit irgendwelchen Leuten Pflichttänze absolvieren und das blieb mir ja Gott sei Dank erspart. Der Gang zur Toilette war für mich äußerst unangenehm, weil ich ohne Hilfe weder in die enge Kabine kam noch mein Brautkleid hochnehmen konnte. Gegessen hatte ich an dem Abend nicht besonders viel, wie immer. Alkohol trinken durfte ich auch nicht, weil ich so viele Medikamente intus hatte. Dabei hätte ich mir so gerne einen gebrannt, um mit der Situation besser fertig zu werden. Auch wenn es nachher wirklich noch lustig war und sich alle so rührend um mich kümmerten, war ich dann doch froh so gegen halb vier morgens nach Hause zu kommen. Mein Mann pulte mir die über 70 Nadeln aus den Haaren und wir konnten endlich schlafen. Am nächsten Morgen mussten wir ja wieder früh aufstehen, weil ich dann in die Klinik nach Bremerhaven sollte. Obwohl ich Angst davor hatte, freute ich mich doch irgendwie, weil ich in diesem Klinikaufenthalt etwas sah, was mir Hoffnung gab.

2. Leseprobe
 
 
Gefühle

Gesundheitlich ging es mir trotz einiger kleiner Rückschläge, die wohl zum größten Teil auf „Erstverschlimmerungen“ durch meine Behandlungen zurückzuführen waren, viel besser als noch vor einigen Wochen. Die naturheilkundliche Therapie zeigte sichtlich Erfolg. War ich doch auch schon viel aktiver geworden und blickte jetzt voller Zuversicht in die Zukunft. Auch meine Gesichtsfarbe hatte sich verschönert. Na klar hatte ich noch Pickel im Gesicht, doch die störten mich nicht, weil sie für mich zu einem Symbol geworden waren. Sie zeigten mir, dass die Entgiftung meines Körpers in vollem Gange war. Man kann schon fast sagen, ich freute mich über jeden neuen Pickel, der hinzu kam. Einmal waren es ganz besonders viele Pickel und ich fragte meinen Doc, ob das vielleicht von den Vitamin-B-Tabletten kommen würde, die ich von ihm verschrieben bekam. Er verschrieb mir ein neues Präparat und ich fragte ihn, ob ich davon noch mehr Pickel bekommen würde. Der Doc saß gerade an seinem Schreibtisch im Vorzimmer vor seinem Computer, an dem er immer nach der Sprechstunde arbeitete. Er schaute von seiner Arbeit auf, blickte mich lächelnd über den Rand seiner Brille an und meinte zu mir: „Das ist eigentlich nicht mein Ziel“. Ich muss mich wohl sehr komisch ausgedrückt haben, denn alle lachten über mich. Im Nachhinein fand ich meine Ausdrucksweise dann auch komisch und stimmte in das allgemeine Gelächter mit ein.
In der Praxis herrschte eine wunderbare Stimmung und ich freute mich immer, wenn ich „meine Leute“ wieder sah. Alle kümmerten sich ganz rührend um mich. Es gab noch viele schöne Szenen in jener Zeit, an die ich mich immer wieder gerne mit einem Lächeln auf den Lippen zurückerinnere. So war es zum Beispiel einmal so, dass ich mal wieder eine Bioresonanzbehandlung bekam, bei der ich mich total zum Affen machen musste. Man muss sich das so vorstellen. Ich saß im Zimmer auf einem etwas höheren Holzpodest, auf dem ein Tisch mit dem Bioresonanzgerät und ein Holzstuhl stand. Dr. Braun kam herein, um die Behandlung einzuleiten, und legte mir ein paar merkwürdige Gurte an, an denen Kabel hingen. Außerdem musste ich eine Hand und einen nackten Fuß auf eine Messingplatte legen. Er tüdelte so einige Zeit an mir herum und heraus kam, dass ich jetzt mit dem blanken Hintern auf einer Messingplatte saß. Den linken Fuß auf einem Hocker, auf dem die eine Messingplatte lag, und die rechte Hand auf meinem rechten Bein, auf der die andere Messingplatte lag.
Um den Kopf herum einen schwarzen Gurt, an dem die Kabel so hoch standen, als würde ich einen Indianerkopfschmuck tragen, und im Nacken noch ein weiteres flaches Teil, das mir heruntergerutscht wäre, wenn ich nicht meinen Kopf nach vorne geneigt hätte, als würde mir jemand in den Nacken hauen wollen. Und zu guter Letzt musste ich mit einen längeren Stab, der vorne eine kleine Verdickung aufwies, wie ein kleiner Hammer, während der Behandlungszeit ständig vom Damm über die Scheide, dann zu meinem Bauchnabel hoch, um ihn herum und wieder zurück streichen. Da saß ich nun mit meinem Talent. Ich sah wohl sehr komisch aus, denn jeder, der das Zimmer betrat, um etwas zu holen, lachte erst mal über mich. Auch die Frau von Dr. Braun meinte, ich würde aussehen wie ein Indianer. Als das Gerät endlich piepte und damit anzeigte, dass ich fertig war, war ich doch schon sehr froh, nicht mehr so sitzen zu müssen. Ich wusste, dass mir diese Art der Therapie half und daher sah ich großzügig über diese Peinlichkeiten hinweg.

Hin und wieder hatte auch mein Doktor mal Urlaub. Das waren immer die schlimmsten Tage für mich, weil ich gerade dann meistens Probleme bekam und niemand sonst für mich da war. Gehen Sie mal mit meiner Krankheit im Notdienst zu einem Arzt und erzählen ihm, was Sie für Beschwerden haben. Der würde Ihnen nur eine Beruhigungsspritze geben und Sie für verrückt erklären, weil er keine Ahnung von der Problematik hat. Jede Art von chemischen Arzneien rissen mich immer von der Symptomatik noch weiter runter statt mir zu helfen. Es ist ein so grausiges Gefühl, wenn man so ganz auf sich allein gestellt ist. Jeder andere kann in einem Notfall zu einem normalen Arzt oder ins Krankenhaus, nur ich nicht. Man liegt zu Hause und muss einfach nur warten, dass es von alleine wieder besser wird. Man hat dann auch einfach keine Lust, dem Arzt zu erklären, worum es eigentlich geht. Er würde es doch nicht verstehen. Diese Aussichtslosigkeit, von niemandem Hilfe erwarten zu können, kann einen ganz schön fertig machen.

So kam es dann auch einmal, dass mein Doktor drei Wochen weg war. Das war bisher die längste Zeit, seit ich bei ihm in Behandlung war. Ich gönnte ihm diesen Urlaub von ganzem Herzen und schenkte ihm zum Abschied ein kleines Märchenbuch („Die Farben der Wirklichkeit“) und schrieb ihm einen lieben Gruß dazu, mit dem Vermerk,

 

 

dass er sich seinen Urlaub wirklich verdient hätte, und er solle gesund wieder kommen. Das meinte ich auch genau so wie ich es schrieb. So viel hatte er schon für mich getan und war immer für mich da. Dieses Buch gab ich ihm nicht persönlich, sondern ließ es von seinen Mitarbeiterinnen zwischen seine Post legen, damit er inmitten der ganzen Arbeit mal kurz einen schönen Augenblick der Freude genießen kann.

Die Zeit ohne ihn kam mir wie eine Ewigkeit vor, denn ich bekam gleich am Anfang seines Urlaubs rasende Kopfschmerzen. Jeden Tag Kopfschmerzen. Und das über drei Wochen. Ein Schmerzmittel kam für mich nicht in Frage, weil ich es nicht vertrug. Also was sollte ich anderes machen, als auf die Rückkehr meines Arztes zu warten. Drei lange Wochen! Ich fieberte schon dem Tag seiner Rückkehr entgegen, wie jemand, der schon seit Tagen durstend durch die Wüste rennt. An einem Samstag kam er zurück und war ab da auch schon sofort wieder telefonisch zu erreichen. Das hatte ich sonst auch noch bei keinem Arzt erlebt. Natürlich rief ich sofort bei ihm an und berichtete meine Situation. Prompt bekam ich am folgenden Montag gleich morgens um 8 Uhr einen Termin bei ihm. Weil er ja so weit von uns entfernt wohnte, musste ich an diesem Tag schon um 5 Uhr aufstehen, aber das machte mir gar nichts aus. Die Aussicht darauf, meine Kopfschmerzen endlich loszuwerden, war für mich in dem Moment das Wichtigste. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich auch sehr darauf gefreut meinen Doc endlich wiederzusehen. Er war mir in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen. Wir hatten schon so viel gemeinsam erlebt und durchgemacht. Er begleitete jeden meiner Fortschritte, hörte sich immer geduldig meine Probleme an und half mir auch sonst, wo er nur konnte. Und dann diese finanziellen Vergünstigungen noch dazu, die es mir erst ermöglichten, die Behandlung bei ihm fortzusetzen. Es lief alles wunderbar. Wobei ich aber sagen muss, das mit den Vergünstigungen tat mir nur oberflächlich gut. Ich meine damit, ich hatte immer irgendwie das Gefühl mit durchgezogen zu werden. Oder besser gesagt, wenn ich dem Doc etwas hätte zurückgeben können, hätte ich mich besser gefühlt. So war ich immer irgendwie dazu verdammt, alles zu nehmen, aber niemals zu geben. Ich war immer so glücklich und dankbar für alles was er für mich tat,
dass ich ihm am liebsten die ganze Welt gekauft hätte, wenn ich die Mittel dazu gehabt hätte. Ach was, mit Geld kann man so was gar nicht bezahlen. Der folgende, für mich wichtige Tag, an dem der Doktor zurückkam, ist ein gutes Beispiel, um meine Gefühle zu beschreiben.

Es war also Montagmorgen, 8 Uhr. Ich war in der Praxis von Dr. Braun und wurde nach kurzer Wartezeit in einen Behandlungsraum geführt. Noch hatte ich den Doc nicht gesehen und erwartete ihn voller Freude auf das Wiedersehen. Die Kopfschmerzen waren noch da, aber in diesem Moment lange nicht mehr so präsent für mich, weil meine Konzentration zur Zeit woanders lag. Ich schaute mich noch eine Weile in dem Raum um, in dem ich noch nie zuvor war. Es stand eine Liege darin und ein Stuhl, wie man ihn von einem Gynäkologen her kannte. Ich fragte mich noch, was der Arzt wohl heute mit mir vorhatte und wozu er denn diesen Stuhl brauchte. Für mich stand fest, dass ich mich niemals mit entblößtem Unterleib vor ihm auf diesen Stuhl setzen würde. Das waren noch so meine Gedanken, bevor die Tür geöffnet wurde und Dr. Braun eintrat.

Er sah gut erholt aus. Braungebrannt und mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen. Von oben bis unten schaute ich ihn an und bemerkte, dass er heute zum ersten Mal ganz anders aussah als sonst. Er trug eine graue Stoffhose und ein weißes Hemd. Sogar eine Krawatte hatte er sich umgebunden. Wie außergewöhnlich für ihn. Sonst trug er immer Jeans und irgendein Hemd. Wie ein Arzt sah er nie aus, das fand ich gut. Aber heute... Vor Erstaunen sagte ich sofort zu ihm: „Hey, heute mal mit Schlips?“. „Ja“, erwiderte er, „das habe ich nur für Sie gemacht“. Ob er das ernst meinte? Voller Liebe blickte ich ihn an. Die Hose war wohl nicht mehr die modernste und auch der Schlips war in meinen Augen grottenhässlich. Außerdem saß er ganz schief, aber ich fand er sah damit gut aus. Auch die Bemerkung dazu fand, ich süß. Ich freute mich so sehr, dass er wieder da war. Nicht nur, weil ich ihn für meine Krankheit brauchte - nein. Auch so war ich immer gerne mit ihm zusammen und redete gerne mit ihm. Auch gönnte ich ihm seine Erfolge von ganzem Herzen. Manchmal erzählte er, wo er schon wieder einen Vortrag hielt. Dann hörte ich ihm so gerne zu,

 

 

 
weil ich seine Freude mitfühlen konnte. Seine Freude war auch meine Freude. Wenn er sich mal über irgend etwas geärgert hatte, konnte ich ihm aber genauso nachfühlen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihm mal jemand etwas anhaben wollte. Irgendwie hatte ich in den letzten Monaten das Gefühl, ich wäre durch ein unsichtbares Band mit ihm verbunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm ebenso erging, und daher hielt ich meinen Mund und erzählte ihm nichts davon. Aber ich denke, er hatte auch so bemerkt, wie gern ich ihn mochte.

Na jedenfalls erzählte ich ihm nun von meinen wochenlangen Kopfschmerzen, woraufhin er die Therapie einleitete. Er wolle mehrere Ozontherapien bei mir machen und erklärte mir, wie alles vor sich geht. Er müsste mir etwas mehr Blut abnehmen, würde dann Ozon hineingeben und es mir dann später wieder verabreichen. Wow, dachte ich. Das wird aber bestimmt teuer, wenn er so viel Aufwand betreiben muss. Genau in diesem Moment nahm der Doc meine Hand und sagte zu mir: „Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie bezahlen wieder nur Ihre 30,– DM, wie immer“. Woher wusste er, was ich denke? Da hatten wir es schon wieder. Immer weiß er, was ich denke. Kann man vor ihm überhaupt etwas verstecken? Ich lag schon für die Transfusion auf der Liege bereit, als ich ihm meinen dankbarsten Blick schenkte. Ich weiß nicht, ob Sie es nachvollziehen können, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Innerlich hatte ich ein so starkes Gefühl in diesem Moment, dass von Liebe, Dankbarkeit und Zuversicht geprägt war. Und ich fühlte, als ich ihm diesen dankbaren Blick schenkte, dass ich in diesem Moment alle meine Gefühle in meinen Augen zum Ausdruck bringen konnte. Eine Art inneres Lächeln, welches man nur über die Augen ausstrahlen kann.

Er nahm mir das Blut für die Therapie ab und ließ es in eine Infusionsflasche laufen. Schon das Finden einer Vene war ein sehr großes Problem, wie sich herausstellte. Die Flasche war mit Blut gefüllt und Dr. Braun ging in das Nachbarzimmer, um das Ozon zu holen. Er spritzte das Gas in die Flasche hinein und fing an, das Ganze auf seine Art zu schütteln. Bei ihm hatten diese Bewegungen irgendwie etwas Rituelles an sich. Seine Bewegungen waren so harmonisch und fließend,
dass man merken konnte, er ist jetzt hochkonzentriert und nimmt die Sache sehr ernst. Ich kannte seinen Blick in diesen Momenten und wusste dann immer genau: „Jetzt musst du deine Klappe halten, sonst störst du ihn bei der Arbeit“.

Diese Art der Therapie bekam ich jetzt noch mehrmals, aber ich muss sagen, eigentlich half sie schon nach dem ersten Mal. Die Kopfschmerzen waren wie weggeblasen, und auch sonst fühlte ich mich viel fitter als vorher.

Als ich mit der Ozontherapie durch war, sollte ich noch ein paar Infusionen bekommen. Aus diesem Grund bekam ich vom Arzt ein Rezept für das Infusionsgeschirr und die Mittel, die ich bekommen sollte. Bestellt wurden sie in einer nahegelegenen Apotheke, die anscheinend damit schon vertraut waren. So holte ich dann alles, was wir brauchten, von dort ab und nahm es mit in die Praxis. Ich weiß nicht mehr ganz genau, aber ich glaube, ich musste zweimal die Woche zur Infusion von da an. Zur Zeitüberbrückung sollte ich mir etwas zum Lesen mitbringen, weil diese Infusionen sehr lange durchlaufen. Mir wurde erzählt, dass mir diese Infusionen helfen würden noch gezielter zu entgiften. Es hieß damals, es wäre ein Chelatbildner darin, der die Gifte im Körper bindet und über die Nieren ausscheidet. Ständig etwas Neues, aber ich war immer gerne bereit etwas Neues auszuprobieren.
Die erste Infusion wurde gelegt. Langsam fing ich an meine Witzchen über seine Künste zu machen. Mir tat es nicht weh, was er tat, und darum war ich die ganze Zeit sehr amüsiert bei der Sache. Dann sagte der Doc vor dem nächsten Einstich: „Jetzt grinst die Vene mich wieder so an und gleich ist sie wieder weg“. Ich meinte scherzhaft zu ihm, nach dem 10. Einstich würde ich zurückschlagen. Wir lachten beide. Eigentlich sollte ich ja eine flexible Nadel bekommen, damit ich in der Praxis herumlaufen konnte, aber das ging leider nicht. Meine Venen waren eine einzige Katastrophe und so nahmen wir eine andere Nadel, mit der ich allerdings nicht aufstehen durfte. So lag ich dann also immer stundenlang in einem Zimmer und las oder hörte Musik mit einem Discman, den mein Bruder mir für diese Zeit ausgeliehen hatte. Mein „kleines“ Brüderchen ist 11 Jahre jünger als ich, aber mindestens zwei Köpfe größer. Das nur am Rande.

 
 
Alexa Nietfeld, Heilpraktikerin  | alexanietfeld@aol.com